Zur Brust zu nehmen – das Herz-Sutra

(Artikel, erschienen in der Zeitschrift

"Tibet und Buddhismus"

des Hamburger Tibetischen Zentrums)

 

„Vollkommenheit der Weisheit“ oder wörtlicher übersetzt „hinüber gegangene Weisheit“, prajvaparamita, so lautet der Titel einer Textgattung, die zum „Seltsamsten gehört, was Menschenohren je vernommen haben“ (Heinrich Zimmer). Angeblich enthalten diese Schriften den Schlüssel zur Lösung aller Probleme. Hand aufs Herz, wer denkt im emotionalen Chaos des Alltags daran, dass ihm oder ihr eventuell Weisheit fehlen könnte? Immerhin bringt einen der diffuse Hunger des Herzens dazu, sich auf die Suche nach irgendwas zu begeben. Mit etwas Glück landet man in buddhistischen Kreisen, und dort aufgeklärt, bekommt der abstrakte Begriff Weisheit zunehmend attraktivere Konturen. Im Mahayana Buddhismus stößt man dann früher oder später auf das „Sutra vom Herzen der hinüber gegangenen Weisheit“, kurz Herz-Sutra, und die Aura der Ehrfurcht, die das Werk umwölkt, sorgt für eine gewisse Scheu ihm gegenüber. Andere ärgert der kryptische Text als vermeintlich nihilistische Absurdität. Man bringt sich schnell um einen Schatz.

 

Leerheit, der größte Schatz der buddhistischen Lehre...

 

Sein Anliegen ist die Vermittlung von Einsichten in die Leerheit, sunyata, das Herz des Buddhismus. Nimmt man die Überlieferung wörtlich, hat der Buddha die Masse der Prajvaparamita-Literatur (PPL), zu denen das Herz-Sutra gehört, auf dem Geiergipfel bei Rajagpha gelehrt. Theravada-Schulen weisen sie als nicht authentisch zurück. Im Culasuvvata Sutta des Theravada-Pali-Kanons (MN121) spricht Buddha allerdings ebenfalls von graduellen Erkenntnisstufen der Leerheit, und die Struktur weist Ähnlichkeiten mit Werken der PPL auf. Das Diamantschneider-Sutra fasst es so: Buddhas seien als Wirklichkeit des Dharma zu betrachten. Oder wie es das Adhyasayasamcodana-Sutra sagt: „Jedes gut gesprochene Wort ist Buddha-Wort.“ Das älteste bekannte Manuskript (7. Jh. n. Chr.) des Herz-Sutras liegt wohl in Japan, doch das Alter des Papiers lässt wenig Rückschlüsse zu, wann der Text entstand. Andere Vollkommenheit der Weisheit-Sutras wurden bereits im 1. Jh. n. Chr. nach China gebracht, weshalb ihre Entstehungszeit früher angesetzt werden muss.

 

Die Forschung sieht in der PPL eine Reaktion auf die Lehrmeinungen der Sarvastivadins, die in Nordindien Entwicklungen des Buddhismus prägten. Die Aussagen der PPL lassen sich als direkte Entgegnungen zu ihren Thesen lesen. Die Sarvastivadins (sarva asti, „alles ist“) behaupten - grob zusammengefasst – eine zumindest zeitweise dauerhafte, charakteristische Eigennatur der Phänomene, die eine Entwicklung durch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft durchlaufe, und damit die Bestimmung wahrer Ursachen und Wirkungen ermögliche. In der höchsten Form der Einsicht wird laut PPL jedoch nichts Derartiges wahrgenommen.

Das Problem mit den zentralen Inhalten des Buddhismus, Leerheit und abhängigem Entstehen, liegt darin, dass ihre Erkenntnis begriffliches Denken übersteigt. Man kann buddhistische Axiome lernen und durchdenken, ab einem gewissen Punkt versagt der Intellekt. Hier helfen Werke wie das Herz-Sutra weiter. Wie? Das Sutra sagt es selbst: Man muss sich auf die Aussagen der hinübergegangenen Weisheit stützen, geduldig damit arbeiten, auch wenn man noch zu vernagelt ist, sie direkt einzusehen. Leider ist es mit ein paarmal durchlesen nicht getan, aber je mehr man über Leerheit meditiert, desto mehr Potentiale für den benötigten „Schatz aus Weisheit“ häuft man an. Wie ein Ermittler einen ungelösten Fall nimmt man die Akte Herz-Sutra immer wieder zur Hand und taucht grübelnd in sie ein.

 

Worte und Sätze, deren Bedeutung sich durch Meditation entfaltet...

 

Der kunstvolle Text entfaltet sein Geschehen in mehreren Akten. Zu Beginn leitet ein ungenannter Erzähler, eine Stimme aus dem Off, das Sutra ein. Wer da spricht, erhellen die Kommentare. Favorisiert wird Ananda, der als Gedächtniswunder alle Sutren memorierte. Er beginnt mit den Worten “So habe ich gehört…“ und schildert ein friedvolles Szenario: Auf dem Geiergipfel-Berg befindet sich der Buddha mit seiner großen Entourage, Mönchen und Bodhisattvas. Der Buddha ist entrückt, er hat sich in tiefer Meditation niedergelassen, und zwar über die Dharma-Formel „Tiefgründiges Erscheinen“. In anderen Versionen heißt sie „Tiefgründige Erkenntnis“, gambiravasambodham. Worüber genau meditiert er? Wie die Welt existiert, und wie sie erscheint.

Der Fokus des Erzählers richtet sich nun auf Avalokitesvara, das „Erleuchtungswesen“, das „große Wesen“. An diesem Wesen ist vieles rätselhaft. Er verkörpert das erleuchtete Mitgefühl. Ist er eine Person oder ein Prinzip? Die Bedeutung seines Namens gibt zahlreiche Hinweise: Ob man ihn nun als den „Schauenden Herrn“ übersetzt, den „Zu-Schauen-Vermögenden“ oder den „Herrn, der schauen lässt“, das ist alles möglich, und noch mehr. Sein tibetischer Name Chenrezig (spyan ras gzigs) ließe sich sowohl als „Der-aus-den-Augen-schauende“ wie auch als „Der-von-Augen-geschaute“ übersetzen. Was macht er im Herz-Sutra? Die tiefgründige hinübergegangene Weisheit ausübend, schaut und schaut er. Einerseits schaut er die Fünf Skandhas, die fünf Komponenten einer Person. Ein gewöhnlicher Mensch nimmt sie nicht wahr, der sieht die Person. Darüber hinaus schaut Avalokitesvara, dass auch diese Komponenten „leer sind von einer Eigennatur“. Letzteres sehen Sarvastivadins anders.

 

Zweiter Akt, in einem Film würde die Kamera nun einen Schwenk machen: der „Leben besitzende“, ayurman Sariputra, im Inneren durch den Buddha angeregt, spricht Avalokitesvara an: „Wenn ein Sohn oder eine Tochter aus gutem Hause gerne die hinübergegangene Weisheit ausüben möchte, wie ist das zu lernen?“ Wer ist Sariputra? Er ist einer der bekanntesten Spitzenschüler des Buddha, dessen Fähigkeiten in vielen Sutras eingehend und auf sehr unterhaltsame Weise geschildert werden. Er vertritt den Buddha vielerorts, z.B. beim ersten Klosterbau in wilden Zauberduellen. Die Anrede ayurman gilt als hierarchisch höfliche Anrede für einen jüngeren Mönch. Einige moderne Interpretierende vermuten hier eine Degradierung des Sariputra, der stellvertretend für die Hinayana-Schulen erfragen muss, was er offenbar nicht weiß. Doch eigentlich ist Sariputras Erkenntnis über jeden Zweifel erhaben. Auch die Anrede als ayurman findet sich für ihn überall. Er stellt seine Frage „angeregt durch Buddha“. Telepathie-Signale vom meditierenden Buddha, oder ist es eine Regung des eigenen erleuchteten Geistes, die gemeint ist? Die Frage lautet auch nicht: „Siehst Du etwas, was ich nicht sehe?“, sondern sie betrifft die Methode, wie man sich zur vollkommenen Weisheit bringt. So fragt er freundlicherweise das, was jeder fragen möchte: Wie kommt man zur Erleuchtung? Es antwortet das personifizierte erleuchtete Mitgefühl in Gestalt von Avalokitesvara. Ein jeder Buddha und Guru lehrt aus liebender Güte. Und ist es nicht die Entwicklung von Liebe in sich selbst, die tiefere Einsichten erst ermöglicht? Kommentare erklären, Sariputra wurde geistig angestupst, weil Buddha die frisch zur Reife gekommene Einsicht des Avalokitesvara bemerkte.

 

Dekonstruktion des Ichs...

 

An dieser Stelle zu Beginn der Antwort unterscheiden sich die Manuskripte. In einer Version wiederholt Avalokitesvara das von ihm zuvor geschaute, wechselt jedoch die Perspektive:“Wenn ein Sohn oder eine Tochter aus gutem Hause die tiefgründige hinübergegangene Weisheit ausüben will, dann ist in dieser Weise zu schauen: die Fünf Skandhas und ihre Leerheit von Eigennatur sah er. Form ist Leerheit, Leerheit ist Form…“ Einige Manuskripte lassen die Wiederholung „die Fünf Skandhas und ihre Leerheit von Eigennatur sah er“ komplett ausfallen. In der tibetischen Version steht sie im Futur: „die Fünf Skandhas und ihre Leerheit von Eigennatur wird er sehen.“ Bedeutet „sah er“, dass Sohn und Tochter zunächst glauben müssen, dass das Ich und die Skandhas leer sind, weil eine vertrauenswürdige Autorität das so sah, auch wenn sie es selbst noch nicht sehen? Weist der tibetische Text auf das Ziel hin, was der Schüler dann am Ende sehen wird? Wer ist „er“ - Buddha, Avalokitesvara oder der hypothetische Schüler?

 

Avalokitesvara definiert nun das Verhältnis von Form- Skandha und Leerheit. Form ist Leerheit, nicht verschieden von Leerheit, und analog trifft das für alle fünf Skandhas zu. Eine restlose Demontage des personalen Ichs erfolgt. Statt des Ichs die fünf Skandhas zu sehen, ist ein Schritt, aber auch den Skandhas und allen Phänomenen jedwede inhärente Eigennatur abzuerkennen, hat weitreichendere Konsequenzen. Wie kommen die Dinge dann überhaupt in die Erscheinung? Darüber meditiert anstrengungslos Buddha. Seltsame Aussagen zu den allesamt von Leerheit gekennzeichneten Phänomenen schließen sich an: sie sind „nicht entstanden unbehindert“. Sie haben also keinen Anfang, entsprechend kann man ihre Entwicklung nicht aufhalten. Sie sind „fleckenlos nicht unbefleckt“. Die Natur der Leerheit ist rein – wo Nichts ist, muss man nichts putzen. Relative Befleckung allerdings tritt im verblendeten Geist sehr wohl auf. Die Phänomene sind „vollständig nicht völlig gefüllt“. Zu jeder Zeit sind alle Phänomene das, was sie sind, und damit vollständig. Aber zu keiner Zeit herrscht Stillstand, weshalb nie ein Zustand verweilender Erfülltheit eintreten kann. Die nächsten Aussagen verneinen alles, was Erleben ausmacht: „Daher, Sariputra, gibt es in der Leerheit keine Form, keine Empfindung, keine Wahrnehmung, keine Bildekräfte, kein Bewusstsein, kein Auge, kein Ohr, keine Nase, keine Zunge, keinen Körper, kein Denken, keine Form, keinen Klang, keinen Geruch, keinen Geschmack, nichts zum Berühren, kein Dharma, keinen Bereich des Sehens, wie auch keinen Bereich des Denkens, keinen Bereich der Dharmas, keinen Bereich des Denkbewusstseins, kein Wissen, kein Nicht-Wissen, keine Vernichtung, wie auch kein Altern und Sterben, keine Vernichtung von Altern und Sterben, keinen Pfad zur Aufhebung des Aufkommens von Leid, keine Erkenntnis, kein Erlangen, kein Nicht-Erlangen.“

 

Die tibetischen Kommentare sind sich darin einig, dass die einzelnen Abschnitte der Antwort des Avalokitesvara die fünf Pfade des Mahayana und ihre meditativen Erlangungen wiedergeben. Differenzen gibt es über die einzelnen Reichweiten innerhalb des Gefüges. Wenn in Japan, China, Vietnam, Korea oder Tibet das Herz-Sutra gemeinsam laut rezitiert wird, lässt diese Erfahrung niemanden kalt. Der eindringliche rhythmische Klang massiert den Geist, und spätestens an dieser Stelle der negierenden Aufzählung werden alle Bilder wie Seifenblasen zum Platzen gebracht. „(…) kein Klang, kein Geruch, kein Geschmack…“ Auch wenn man die Sicht der Leerheit noch nicht realisiert hat, spürt man für einen Moment das befreiende, das sich aus ihr ergibt. Das Kunstwerk Herz-Sutra entfaltet seine Wirkung.

 

Der Sprung in den Hyperraum...

 

(…)na praptirnapratih kein Erlangen, kein Nicht-Erlangen. Der Geist ist nun vorbereitet für den unmittelbar bevorstehenden „Sprung in den Hyperraum“: „Daher, Sariputra, stützt er sich mit dem Nicht-Erlangen der Bodhisattvas auf die hinübergegangene Weisheit und verweilt darin verhüllten Geistes. Weil die Geisteshülle nicht bestehen bleibt, ist er ohne Furcht, er hat den Umkehrpunkt überschritten, befindet sich im Nirvana.“ Die tibetische Version lautet so: „Weil die Bodhisattvas kein Nicht-Erlangen haben, verweilt er in der hinübergegangenen Weisheit. Weil die Geisteshülle nicht bestehen bleibt, ist er furchtlos, er hat den Umkehrpunkt überschritten und ist bis zum Ende des Nirvana gegangen.“ Es fehlt die kleine Angabe, dass der Schüler zunächst noch cittavarana ist, einer mit „verhülltem Geist“. Nicht ohne Verstörung nimmt man die Varianten z.B. eines chinesischen Manuskripts zur Kenntnis, hier verweilt er acittavarana, mit einer „Hülle aus Nicht-Geist“.

Die Kommentare geben an, wie an dieser Stelle die vier Grundverblendungen und ihre subtilen Eindrücke im Geist vollständig eliminiert werden: Instabiles für dauerhaft zu halten, unreines für rein, leidvolles für Glück, und eine Eigennatur da zu sehen, wo Substanzlosigkeit ist. Diese Verblendungen sind geistiger „Ungeist“.

Alle Buddhas oder „die Allbuddhas, die in den drei Zeiten bestehen, stützten sich auf die hinübergegangene Weisheit, und sind zur höchsten, wahren Erleuchtung vollständig erwacht. Daher muss man wissen: die hinübergegangene Weisheit ist das große Mantra, das höchste Mantra, das unvergleichliche Mantra, das alle Leiden befriedende Mantra, weil sie wahr und nicht verkehrt ist. In der hinübergegangenen Weisheit wurde ein Mantra genannt, das da ist: gate gate paragate parasamgate bodhi svaha. So muss, Sariputra, die Ausübung der tiefgründigen hinübergegangenen Weisheit vom Bodhisattva gelernt werden.

 

Das eigentliche Mantra, das Mittel für den Geist, ist die Wahrheit selbst. Als Instant-Rettungs-Herz-Tropfen kondensiert das Werk seinen Inhalt zu einer Formel: „Om, Gang, Gang, Übergang, vollendeter Übergang, Erleuchtung ist, svaha.“ Der erste Gang entspricht dem Pfad der Anhäufung, der zweite Gang dem Pfad der Vorbereitung, der Übergang dem Pfad des Sehens, wo man von einem gewöhnlichen Wesen zu einem Arya wird, und Einsicht in die Leerheit gewinnt. Der vollendete Übergang entspricht dem Pfad der Meditation, und Erleuchtung, der Pfad des Nicht-mehr-Lernens, ist unumkehrbar.

 

Happy End.....

 

Das Finale: Jetzt endlich erhebt sich Buddha aus seiner Meditation, um Avalokitesvara anerkennend auf die Schulter zu klopfen: „Sehr gut, sehr gut, edler Sohn. Genau so ist es, edler Sohn, so wie es von dir dargelegt wurde, ist die Ausübung der tiefgründigen hinübergegangenen Weisheit durchzuführen. Und die so-gegangenen Arhats waren entzückt. Dies sprach der Erhabene. Und es freuten sich der beglückte Ayurman Sariputra, der Arya Avalokitesvara, der Bodhisattva, sowie die allumfassende Gemeinde, die Welt mit ihren Göttern, Menschen, Halbgöttern, Gandharven und all den anderen über das, was der Erhabene sagte.“

Der Schlusssatz lässt sich auch anders übersetzen: alle freuten sich über das, “was der Erhabene zu sagen veranlasst hatte.“ Die Verb-Form bharita lässt beide Übersetzungen zu. Die Welt freut sich sicherlich mit über Buddhas lobende Worte, doch die eigentliche Rede hielt Avalokitesvara. Zu dieser hatte Buddha über Sariputra den Impuls gegeben. Die allgemeine frohe Stimmung zaubert auch dem Leser ein Lächeln ins Herz. Ein echtes Happy End! Worin besteht es? Alles, was man für real hält, ist offenbar Täuschung - ist das ein Grund zum Jubeln? Ja, weil am Ende dieser Erkenntnis alle Angst aufhört. Da es kein Nicht-Erlangen gibt, ist Erleuchtung jedem möglich, auch dem gemeinen Gandharven, Menschen oder Halbgott. Einen Funken der Erleuchtung zu erhaschen, durch Meditation des Sutras gelingt das immer wieder, und das Herz schlägt höher.

 

Literaturangabe: Matsumoto, Takumyo, Die Prajvaparamita-Literatur Verlag Kohlhammer Stuttgart 1932,

Geshe Sonam Rinchen and Ruth Sonam, The Heart Sutra, Snow Lion Publ., New York, 2003,

P.L. Vaidya, Mahayana Sutra Samgraha, Darbhanga, The Mithila Institute 1961

Prajvaparamitahpdayasutram (vistaramatpka), Göttingen Register of electronic texts in Indian Language, input by Klaus Wille

 


Atisha

 

"Gesang der Geisteshaltung zur Befreiung aus dem Daseinskreislauf"

 

Sanskrit: Samsara-manoniryanikasya-giti

Tibetisch: ༎འཁོར་བ་ལས་ཡིད་ངེས་པར་འབྱུང་བ་བྱེད་པ་ཞེས་བྱ་བའི་གླུ༎

(„Lied über die Entwicklung geistiger Gewissheit der Entsagung gegenüber dem Daseinskreislauf“)

 

Verehrung den Hohen!

Verehrung den Drei Juwelen!

 

Emaho!

Vom alles durchdringenden Leid, vom Leid des Wandels,

vom manifesten Leid und allen weiteren, den Hundertzehn Verzweigungen -

Verehrung dem von allen Leiden Rettung bewirkenden König der Ärzte!

 

Hört her, Ihr Freunde,

die Ursachen des Daseinskreislaufes sind die Leidenschaften und Karma.

Achtundneunzig Zustände der Leidenschaften in den drei Bereichen gibt es.

Die Verbindung mit dem Strom der Ausflüsse[1], das Ergreifen,

geschah entsprechend der Stärke der Verbindung, der Ursache und des Objektes.

 

Hört her, Ihr Freunde,

All die Verschiedenheiten entsprangen aus Karma.

Darüber hinaus entsprangen sie aus der Kraft der Leidenschaften.

Wenn Heil und Unheil nicht als gültige Prophezeiung gesehen werden,

wird die Erfahrung in dieser Geburt gemacht, oder in einer anderen erfahren,

und ungewiss weiß, schwarz oder gemischt sein.

 

Das Karma des Daseinskreislaufes, welches auch immer,

die nahen, die gewohnten und die früheren Taten, welche es auch sind,

für Karma gilt: die früheren kommen vorher zur Reife.

 

Freunde, denkt nach, seit anfangsloser Zeit bestehen Unwissenheit und die weiteren elf,

mit dem Ende von Alter und Tod.

In der Weise einer Wassermühle mit drei Teilen und zwölf Verbindungen

kreist das innere Bestehen in Abhängigkeit wieder und wieder, als Leben um Leben ohne Zahl,

und darin ist man mit all den Leiden von Geburt und Alter und Tod wieder und wieder geschlagen.

Aus Verwirrung das Rad gedreht,

dreht man sich abhängig von Verwirrung im Daseinskreislauf.

Oh, weh!

 

Ihr Wandernden, von den Wegen des Daseins erschöpft,

aber nicht müde, Leid für Glück zu halten:

ihr werdet immerzu als Herdenvieh und ohne differenziertes Begreifen Anhaftung schüren,

so lehrten die Lehrer.

 

Ihr durch Lehrer gehaltene, kluge Wesen:

Moment für Moment sind all die fünf Arten von Daseinsformen das Leid von Samsara,

wie der Schmerz durch einen Dorn.

Wer empfände da nicht bis tief in die Knochen Mitgefühl?

 

Durch die Macht schlechten Karmas in diesem Ozean des Daseinskreislaufs

wieder und wieder geboren werden, wieder und wieder altern,

und wieder und wieder sterben;

dieses nicht bedenkend, an Objekten hängend, was soll ich tun?

 

Hört her, hört mich an, Freunde,

Alle Situationen in den drei Bereichen des Seins sind Leiden.

Des Weiteren sehe ich das menschliche Leid:

die Leiden des Uterus, in gleicher Weise der männliche Zustand,

als Zygote, als Zellhaufen, als elliptischer Embryo,

als sich festigender Fötus mit sich allmählich vollendenden Gliedmaßen.

 

Klein und hilflos auf dem Rücken liegend,

genährt von Butter und Quark der Brust,

wächst das Kind heran, bis es erwachsen ist,

und alternd wird es wiederum zum Kind.

 

Das Leben, unbeständig ist es, und überaus wechselhaft.

Und es gibt auch keine Macht, für einen kurzen Moment zu verweilen.

Wer nicht bedenkt: „Ich werde mit Gewissheit sterben.“-

Freunde, ein solches Wesen ist höchst erstaunlich!

 

Indem er die Fehler und Mängel von Samsara nicht kennt,

verweilt er bei den Vier verdrehten Sichtweisen[2].

Nicht bedenkend: „Ich werde sterben.“ liebt er die Objekte als echt.

Tage und Nächte vergingen sinnlos, der Weltmensch stirbt den Tod zur Unzeit.

Auch der Wissende, wenn er ans Ende kommt,

reflektiere immer wieder richtig: „Der Tod ist Gewissheit!“, oh, Ihr Guten!

 

Wenn im späten Frühling die Blumen sprießen,

der klare Herbstmond die Zeit des Herbstes anzeigt, sind alle Wesen erfreut.

„Meine Lebenszeit läuft ab!“ -

diesen Gedanken zutiefst nicht zu mögen, kommt nicht auf.

 

„Heute mache ich dieses, jetzt das, und danach dies und das!“

Bevor das Tun zu Ende gebracht wurde, hineingefallen in die Wellen des Stroms der Sinnesobjekte,

die unstete Natur der Existenz nicht kennend, sich sinnlos um einen festen Geist bemühend,

rudern sie so ihr Boot in allen neun Daseinsformen dem Herrn des Todes direkt in den Krokodilrachen.

 

„Das mach‘ ich morgen, das hier, wenn ich frei hab‘, dann oder wann anders jenes …“

während man so denkt, beobachtet einen, die Keule in der Hand, der Herr des Todes aus dem Augenwinkel, die Adern in den Augäpfeln zornesrot und mit unerfreulichem Lachen, stell‘ Dir das vor!

 

Sogar ein Yogi, versiert in allen Lehrwerken und vielen Weisheiten,

„Heut mach‘ ich dieses, morgen das!“ sagend,

wird voller Pläne sterben.

 

 

 

Das Leben, auch wenn es instabil ist, voller Schmerzen, den von Wind hervorgerufenen,

sich auflösenden Wasserblasen eines Flusses gleicht, -

zu atmen, den Atem zu meistern, von dem, was der Schlaf verkehrt, erwachen,

befreit sein -  was immer es auch ist, es ist ein großes Wunder!

 

Hört her, Ihr Freunde,

die Lebenszeit ist kurz, und Wissensgebiete gibt es viele,

Da man nicht einmal die Dauer des Lebens auch nur im Mindesten weiß,

ergreift das mit den eigenen Wünschen verbundene,

wie der Schwan, der die Milch vom Wasser scheidet.

 

Hört her, Ihr Freunde,

wenn ich das Treiben der Welt betrachte,

all das sinnlose, Leid verursachende Tun,

was immer man auch denkt, es wird keinen Nutzen bringen,

meditiert Einsicht in den eigenen Geist!

 

Hört her, Ihr Freunde,

die sieben Abhandlungen über Logik, die vier über Grammatik,

der Schatz des Abhidharma, die Stufen der Praxis des Yoga,

die Abteilung der Sutren, der Ordensregeln und des Abhidharma,

die Gesamtheit der Überlieferung der kanonischen Schriften ausnahmslos,

 

„Ich habe sie nicht gesehen, nichts zusammenbekommen, nichts erklärt, nichts geschrieben…“

seid nicht in dieser Weise niedergeschlagen, Ihr Guten!

Der Geschmack des Nektars, der da heißt: „Mündliche Unterweisung durch den Guru“,

mit diesem den Geist in Gleichmut auszurichten, nur dieses Eine braucht man!

 

All die Suchen nach vielen Schriften, wo man doch nur eines braucht;

sie alle sind Ursache für Täuschung in Bezug auf den Geist.

Wenn man sich über die Situation des Daseinskreislaufes nicht gewiss ist,

da man sich über die Eltern etc. nicht als Eltern gewiss ist,

gebt das Hängen an den Nahestehenden, die Anhaftung an das Selbst auf.

 

Da man sich auch über den Feind nicht gewiss ist, gebt ihm gegenüber Hass auf.

Die Abwesenheit von Krankheit, Jugend, Herrlichkeiten und sinnliche Wünsche,

an denen man von Natur aus anhaftet, gebt sie auf.

Und was Gewinn anbelangt, Verehrung und Ruhm, gebt sie auf.

Blutlinie, Stammbaum und das Verse-schmieden, gebt sie auf.

Sogar die Schüler, die Verbindung mit dem gelehrten Dharma, gebt sie auf.

 

Hört her, Ihr Freunde,

Denkt euch die Welt als einen Tiger, eine Schlange, Feuer oder Gift, gebt sie auf, und zieht euch zurück.

Die besonderen Merkmale von Frauen, die besonderen Merkmale von Männern,

Medizin, Elefantenkunde oder Astronomie, Waffengattungen, oder Pferdezucht oder Handwerk,

das Studieren der vergilbten Lehrschriften und das Gelesene, - gebt sie auf.

 

Wenn der sich an einem Objekt als echt erfreuende Geist aufkam,

und all die Arten von Projektionen entstanden,

im bereits entwickelten Bewusstsein der Gewissheit des Todes in Bezug auf das Selbst,

reißt das Ruder herum, mit den unten genannten Gegenmitteln:

 

 

All die vielen Projektionen werden durch das Zählen des Atems beseitigt.

Projektionen, die aus einem lüsternen Geist entstanden,

überwindet, indem Ihr sie als von Natur aus mit Unreinheiten behaftete Knochen anseht.

Auf Hass gießt das Wasser der Liebe.

Bei Verblendung geht den Pfad der Lehre des Abhängigen Entstehens.

Handelt entsprechend der direkten mündlichen Anweisung des Gurus über das Unreine, Liebe und das abhängige Entstehen!

 

 

Der Gesang der-Geisteshaltung zur Befreiung aus dem Daseinskreislauf, direkt mündlich verfasst vom großen Gelehrten Sri Dipamkara Jvana, ist hiermit vollendet. Vom indischen Abt selbst und vom Übersetzer des großen Übermittlers, Gyatsön Senge (rgya brtson seng ge), wurde er im Haupttempel von Vikramashila übersetzt. Daraufhin wurde er vom Lama selbst und vom Übersetzer Tsültim Gyälwa (tshul khrims rgyal ba) überarbeitet und die finale Version festgelegt.

 



[1] Ausflüsse“,asrava, tib. ཟག་པ་, gemeint sind die leidvollen dynamischen, karmischen Wirkungen der Leidenschaften.

[2]  Die vier verdrehten Sichtweisen: Unreines für rein, Leid für Glück, Vergängliches für dauerhaft und Leeres für substantiell existent zu halten.